Kurzgeschichte – eine Reise zurück ins Jahr 2016

Wir schreiben den 16.07.2016.

Tabitha, kannst du mal kommen?“, höre ich, während ich für meine Abschlussklausuren lerne. „Heute kann ich das Lernen definitiv knicken, wenn das weiter so geht“, denke ich mir und gehe runter, sichtlich besorgt – nicht nur, weil ich bald meine Bachelor-Abschlussklausuren vor mir habe, sondern weil ich meinen Vater weinen sehe. Premiere. Noch nie zuvor, habe ich ihn so fertig gesehen. Weinend, fast gebrochen vor Schmerz. Liegt er. In seinem Bett. „ich halte das nicht mehr aus, die Schmerzen werden einfach nur noch schlimmer“, flüstert er. Fragend schaue ich in das Gesicht meiner Mutter. „Und jetzt?“, denke ich stillschweigend und sehe, er hat bereits die dritte Morphium Tablette eingenommen. „Sollte man nicht maximal eine Tablette nehmen?“, dämmert es mir, während ich mit ihm auf die Couch wechsle. Irgendwie versuche, den Schmerz ein bisschen zu lindern. 

Zwei Wochen vorher hatte mein Vater seine letzte Bestrahlung. Man hatte uns angerufen. „Sie müssen sofort herkommen!“ hieß es. „Sonst können Sie nie wieder gehen!“, schrie die Frau am Telefon. Mein Vater hat Prostatakrebs. Seit 18 Jahren. Im Endstadium. Aggressiv. Gestreut. Im ganzen Körper. Breitete sich der Krebs langsam in der Wirbelsäule aus und drückte auf den Spinalkanal. Wo vor einigen Tagen noch die Worte „machen sie sich keine Sorgen! Ihnen passiert nichts, wenn Sie nicht aus dem dritten Stockwerk springen“ hallten, schleuderte man mir nun Sachen wie „Notfall“, „sofort“ und „Tod“ entgegen. 

Alles drehte sich. 

Papa, wir müssen dich in die Notaufnahme fahren“, hörte ich mich leise sagen. „Das geht so nicht, da stimmt etwas nicht.“ Einen Abend vorher hatte man meinen Vater erst aus dem Krankenhaus entlassen. Es sei alles in Ordnung und wir sollten uns keine Sorgen machen, das wäre von der Bestrahlung (hatte ihn am Abend vorher schon mit fast dem gleichen Szenario ins Krankenhaus gefahren, wo man fragte, ob er Ibu bräuchte. Klar. Nach 3 Morphium hilft so ‘ne Ibu sicher super. Und die Schmerzen kamen nicht von der Bestrahlung. Sondern davon, dass seine Wirbelsäule langsam brach.) Na ja, das war wohl leichter gesagt als getan. Nach wenigen Minuten Überzeugungsarbeit versuchten wir, wieder aufzustehen. Aber es ging nicht. In Panik rief ich einen Bekannten, der mir helfen sollte, meinen Vater ins Auto zu bringen (Anmerkung: Ein Krankenwagen hätte wenig Sinn gemacht, da sie nur bis in die nächste Urologie fahren müssen. Die wäre in Frechen gewesen, mein Vater war aber in Köln in Behandlung – zweite Anmerkung: meine Mama sitzt im Rollstuhl, deshalb hilft sie nicht 😉). 

Fahr vorsichtig“, hörte ich meinen Vater noch sagen und kurze Zeit später fand ich mich schon in Panik in der Auffahrt der Notaufnahme wieder. „Kannst du aussteigen?“, fragte ich halbherzig, zur Hälfte schon auf dem Auto gestiegen, gar nicht merkend, dass ich bereits rannte. 

Hallo, ich brauche unbedingt Hilfe. Mein Vater kann nicht mehr aus dem Auto aussteigen. Er hat große Schmerzen. Vor wenigen Wochen hatte er noch Bestrahlung, weil er einen Tumor in der Wirbelsäule hat.“, sprach ich ganz wirr. Keine Ahnung, was ich sagen sollte. Oder wollte. Tränen liefen über meine Wangen. 

In der Notaufnahme angekommen, spritzten sie Morphin. Eine Injektion nach der nächsten. Pizza essend kam der Pfleger hinein, um die nächste Dosis zu verabreichen. Mein Vater schrie immer noch vor Schmerz. Er lag. Kerzengerade. Auf einer Liege. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Er kann so gerade nicht liegen“, sagte ich höflich. „Könnten wir ihn nicht… könnten wir ihn nicht etwas anders hinlegen? Bitte? Sie sehen doch, dass er die Schmerzen kaum aushalten kann.“ Ich wusste ja nicht, dass ich auf pure Empathielosigkeit stieß. „Nein.“, sagte der Mann bestimmend. „Ich spüre meine Beine nicht mehr“, sagte mein Vater schmerzverzerrt, während der Pfleger den Raum schon wieder verließ. 

Ich ging. Wie ich gerade gehe. Auf und ab. Schwitzend. Nervös. Angsterfüllt. Hilflos. Und wartete. Schaute auf die Uhr. Jede Minute. Eine Qual. 

Ich gehe noch mal nach vorne und frage, ob jemand kommen kann, Papa.“ – und verließ den Raum. Stolperte. Nach vorne. Fragte um Hilfe. Sah, wie sich Pizza geteilt und gelacht wurde. Während Menschen warteten, litten und weinten. Ich weiß, dass Ärzte und Pfleger auch Pause brauchen. Aber das verstand ich nicht. Eine ganze Stunde später. Immer noch lag mein Vater. Kerzengerade auf seiner Liege. Weggedämmert, weil alle 15 Minuten jemand eine Dosis Morphin nachlegte, aber nicht in der Lage war, mehr als diese 2 Minuten zu investieren. „Fahr nach Hause. Du musst schlafen“, sagte er, als die Uhr auf den zweiten Strich zeigte. „Fahr, es ist spät.

Als ob. Ich fahren würde. Einfach so? „Ich warte, bis sie dich abholen, Papa.“, denn mittlerweile konnte ich zumindest klären, dass er ein MRT brauchte. Dringend. Als man ihn dann endlich abholte und ich nach einem Arzt fragte, weil er seine Beine nicht spürte, sagte man mir, dass das nicht möglich sei. Der Arzt wäre nicht da und man wolle ihn nicht stören. Als ich darauf beharrte, dass es wichtig wäre, wurde ich.. aus dem Krankenhaus geworfen. Ich dürfte für diese Nacht nicht mehr dort bleiben und das Krankenhaus am nächsten Tag erst wieder betreten. 

Ich fuhr Heim. Weinend. In Sorge. Aber ich schlief. Erschöpft und fertig von den Ereignissen der Nacht. 

Am nächsten morgen rief ich im Krankenhaus an und drängte darauf, dass er endlich einen Arzt bräuchte. Er spüre seine Beine nicht mehr. Aber man legte auf. Nach 17 (!) Stunden, kam endlich ein Arzt und man rief mich mit den Worten „Beten Sie, dass er überlebt. Ihr Vater ist gerade im Not OP, er wird es sicher nicht schaffen.“ an. Leere. In mir. War nichts. Als Leere. Bittere, kalte, sich zusammenziehende Leere. Und Vorwürfe. Hätte ich etwas anders machen können? Besser? Sicher. Nicht. Ich wäre höchstwahrscheinlich einfach nur bei der Polizei gelandet, wäre ich hingefahren und hätte einen Aufstand gemacht. 

Zahlreiche MRTs, CTs, hunderte Arztbesuche alleine im Jahr 2016. Man wusste davon. Hat es uns verheimlicht. Man wusste, der Tumor drückt so stark auf die Wirbelsäule, dass er sie bricht. Und man wollte ihn nicht operieren. Aus Angst, seine perfekte Statistik zu zerstören. Man hat ihn abgeschrieben, weil er schon so lange krank ist. Doch hatte man ihn bereits 2003 abgeschrieben, als alles begann. Hatte gesagt, dass er ohnehin sterben würde. Bald. Sehr bald. Deshalb hätte es keinen Sinn, sich zu kümmern. Weggeworfen. Wie Abfall, den man nicht mehr braucht. 

Und jetzt. Jetzt operierte man ihn plötzlich? Entfernte 500g Tumor und tat so, als wäre man ein Held? Kotzen. Könnte ich. Immer noch, wenn ich daran denke.

Mein Vater überlebte die Not-OP. Ist aber nun querschnittsgelähmt, weil es für seine Beine zu spät war. Hätte man ihn vorher operiert, wäre es (wahrscheinlich) nicht passiert. Aber nein, man hat ihm das letzte im Leben genommen: die Freude daran, im Garten zu sitzen und das Sonnenlicht zu genießen, während der Kirschbaum blüht und die Vögel zwitschern. 

Vielleicht schreibe ich irgendwann weiter, denn seitdem ist so viel passiert, dass ich manchmal selber denke, dass es mir keiner glauben kann. Ich denke wirklich, dass andere meinen müssen, ich lüge, wenn ich mal wieder aktuelle Stories auspacke. 

Genießt das Leben, 
eure Tabbi 💙

Bitte keine Anfragen für Interviews, Home Stories oder kostenlose Artikel, die ich schreiben soll. Wer lesen kann: ich studiere, arbeite und kümmere mich um meine Eltern, Haushalt und alles, was ansteht. Ich hab definitiv besseres zu tun, als mich 48 Stunden lang belästigen zu lassen, damit Sie mit mir Geld verdienen. Hilft übrigens auch nicht, wenn man meint, mich 23 mal am Tag per E-Mail zu nerven. Danke.

13 Gedanken zu “Kurzgeschichte – eine Reise zurück ins Jahr 2016

  1. Es tut mir im Herzen weh das so einer tollen Familie so etwas furchtbares wiederfahren ist. Ich wünsche euch alle Kraft der Welt und schenke dir meinen aller größten Respekt! Du bist für mich die größte Heldin der Welt.! , Und wenn ich höre, wie die Ärzte sich verhalten habe bekomme ich einen riesen Hass auf die. Wirklich unter aller Sau!. Lass dich niemals unterkriegen!

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    1. Danke für deine lieben Worte, Anna ❤ Hass bringt niemanden weiter. 🙂 Ich finde, man sollte das Leben für sich selbst einfach so gut es geht optimieren, versuchen, anderen Menschen mit dem Respekt gegenüberzutreten, den man selber gerne hätte. Auch wenn's oft sehr schwer ist. 🙂

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      1. Da hast du mehr als Recht! War auch krasser ausgedrückt als ich es eigentlich meinte♥️🙈 ich wünsche euch alles Gute und ganz viel Gesundheit weiterhin!

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  2. Liebe Maria,
    auch wenn es sich wie eine Floskel anhört, es tut mir leid. Es tut mir leid was mit deinem Vater passiert ist, es tut mir leid das eure Familie das alles erlebt und es tut mir leid wie ihr im Krankenhaus behandelt worden seit. Und ich schäme mich für alle meine Berufskollegen, Pflege und Ärzte, die euch so behandelt haben.
    Ich umarme dich und deine ganze Familie und wünsche euch Kraft und Liebe

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  3. Danke für diesen Beitrag Tabbi! ♥️ mein Herz weint und ich wünsche euch weiterhin ganz viel Kraft! Hut ab für deine Offenheit und vor dir! Das Leben sollte man wirklich bis aufs kleinste genießen

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  4. Hallo mein liebe Maria,
    ich hab es nun endlich geschafft mit mal kurz Zeit so nehmen, so dass ich dein Blog Post in Ruhe lesen kann .
    Sprachlos, mir fehlen die Worte.. Ich weiß echt nicht was ich darauf antworten soll, schließlich war ich noch nie in so einiger brenzlichen Situation.. Du schaffst es aber mir mit dem Text zu zeigen wie wichtig es doch ist das Beste aus seinem Leben zu machen und es nicht für unnötige Dinge / Gedanken zu verschwenden. Du hast mein allergrößten Respekt.
    Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Kraft und meine Gedanken sind bei euch.
    Ganz viel Liebe
    Sara ( Insta: @smiling_sara_ ) ❤

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